"Der Pfad des Kriegers" folgt den Spuren Michael Nothdurfters, eines angehenden katholischen Priesters aus Bozen, der 1990 als Anführer einer Guerilla-Gruppe im Kugelhagel der bolivianischen Polizei stirbt. Der Dokumentarfilm fragt nach seinen Beweggründen, den Tod für seinen politischen oder religiösen Kampf in Kauf zu nehmen.
La Paz, 1990. Nachrichtenbilder, hektische Reporter, grobkörnige Fotos. Seit Monaten hat das "Kommando Nestor Paz Zamora" den Coca-Cola-Repräsentanten von Bolivien in seiner Gewalt. Der Innenminister fordert die Geiselnehmer auf, sich zu ergeben. Doch es kommt zu keinem friedlichen Ende. Bewaffnete Soldaten stürmen das Haus, in dem sich die Gruppe verschanzt hat. Comandante Miguel, 29 Jahre alt und als Missionar aus Deutschland gekommen, springt aus dem Fenster und wird wie die Geisel und zwei seiner Gefährten erschossen.
Südtirol, ein Winter in den siebziger Jahren. Michael rast auf seinem Schlitten den steilen Abhang hinunter, aber er hat keine Angst. Er dreht sich sogar lachend zur Kamera um, die die Schussfahrt in wackligen Bildern verfolgt. Winter in Tirol hieß Tiefschnee. Jugend im provinziellen Bozen, das hieß Jungschar - "und danach Ministrant. So war das eben", sagt der Dokumentarfilmer Andreas Pichler, der sich auf die Spur seines Kindheitsfreundes begibt. Michael war sein Vorbild, als sie in einem Milieu aufwuchsen, in dem sich alles um die Pfarrkirche drehte.
Schon als Jugendlicher ein Idealist und Romantiker, beschließt Michael mit 18 Jahren, Missionar zu werden. Er studiert in London und geht 1982 als Jesuiten-Novize nach Lateinamerika. Es ist die Zeit der Nicaragua-Poster und Sandinista-Platten. Auch der junge Mann aus Tirol will die Welt verändern. Er lässt sich mitten unter den Armen Boliviens nieder, er lernt das soziale Elend kennen, die grauenhaften Slums von El Alto, die Minen in Potosi.
Er arbeitet Tag und Nacht, beginnt, sich mit den Unterdrückten zu identifizieren und nennt sich jetzt Miguel. Sein Unmut gilt besonders der Ausbeutung der Entwicklungsländer durch die so genannte Erste Welt. Nach Hause zur Mutter und zum Bruder schickt er Kassetten, auf denen er bolivianische Volkslieder singt. Und irgendwann steht in seinen Briefen, die Lehre Jesu könne nur mit Waffengewalt durchgesetzt werden.
Montag, 8. September 2008, 00.20 Uhr
Film verpasst?! - Wiederholung im ZDFdokukanal 22.00 Uhr
Buch und Regie: Andreas Pichler
Kamera: Susanne Schüle
Schnitt: Marzia Mete, Andreas Zitzmann
Ton: Stefano Bernardi
Musik: Paul Lemp
Produzent: Thomas Tielsch
Produktion: Filmtank in Koproduktion mit Dschoint Ventschr, Miramonte, ZDF/Das kleine Fernsehspiel, in Zusammenarbeit mit ARTE, DRS und RAI Bozen, gefördert von Filmförderung Hamburg, BKM, Zürcher Filmstiftung, Autonome Provinz Bozen-Südtirol und MEDIA
Redaktion: Burkhard Althoff (ZDF), Kathrin Brinkmann (ZDF/ARTE)
Länge: 88 Minuten
Mit: Flora Nothdurfter, Otwin Nothdurfter, Ludwig Thalheimer, Dante Limaya, Paola Acasigue, Gonzalo Muñoz, Roberto Ibarguen, Sonia Brito, Rafael Puente
Michaels Freunde betrachten seinen Tod als das traurige Ende einer modernen revolutionären Bewegung, deren Stadtguerilla in Europa längst gescheitert war. Pichler muss wieder an ihn denken, als 2005 ein paar junge Männer eine Londoner U-Bahn in die Luft jagen. Die Radikalen, denen der Glaube aus dem Ruder lief, sind gebildete junge Männer aus dem Mittelstand, liebenswerte Nachbarn, sozial engagiert. Wollte Michael, dessen Kampf den Machtlosen und Gedemütigten galt, der sich für ein "Gottesreich auf Erden" einsetzte, wollte auch er ein Märtyrer sein?

Der Film beginnt seine Suche beim Kruzifix in der Tiroler Dorfkirche. In der Brust Jesu, da, wo das Herz ist, klafft eine tiefe, blutende Wunde. Michaels Bruder meint, der Jesus ihrer Kindheit sei "eher ein Softie" gewesen. Der Mutter fällt es noch heute schwer, über das verlorene Kind zu sprechen. Pichler reist nach Bolivien, um die Orte und Menschen aufzusuchen, die in Miguels Leben eine Rolle spielten. Und findet alles vor, wovon in Miguels Briefen und Tagebüchern die Rede war: Verwahrlosung, Verzweiflung, die Niederlage jeder Vernunft. Der Gedanke, dass mit herkömmlichen Mitteln auf dieser Welt nichts mehr auszurichten sei, scheint hier gar nicht so abwegig.
Die detektivische Spurensuche wirft Fragen auf, Fragen nach verlorenen Idealen und den Werten einer ganzen Generation. Michaels Briefe und sein Tagebuch der Geiselnahme lassen ihn im Film lebendig werden. Ehemalige Mitglieder des Kommandos bewundern noch immer seinen Ernst, seine Disziplin und belächeln sein Ungeschick im Handwerk des Guerilleros. Doch er selbst beschreibt die Zerrissenheit, die aus der Ungeduld entsteht, er selbst erkennt den "Scheideweg", als er vor ihm steht. Der Film kann deshalb tief in Miguels Herz und Kopf sehen. In die Psyche eines unerfahrenen Kämpfers und erprobten Gläubigen, der diesen Widerspruch nicht überlebte.
"Der Tod von Michael hat mich damals, 1990, sehr getroffen. Als der islamistische Terror in Europa in die Schlagzeilen rückte, musste ich wieder an ihn denken, und daran, dass es auch bei uns im Westen und damals vor allem in den linken Bewegungen immer wieder junge Menschen gab, die bereit waren, für den politischen Kampf sogar ihr Leben zu opfern. Diese Geschichte heute zu erzählen, ist für mich der Versuch, herauszufinden, was damals in Michaels Kopf ablief und was in seinem Umfeld wirklich Thema war. Und es ist der Versuch, zu verstehen, was junge Leute dazu bewegt, den Märtyrertod zu suchen."