
Die Hip Hop-Szene 1993 in Deutschland am historischen Scheideweg zwischen Kommerzialisierung und den Wurzeln von Rap, DJing Breakdance und Graffiti.
"Lost in Music: Hip Hop Hooray!" dokumentiert den "State of the Art" der Hip Hop Kultur in Deutschland im Jahre 1993 und deren rasante Entwicklung. Nach den Anfängen in der Sprache der US-Vorbilder beginnt sich deutschsprachiger Rap gegen alle Widerstände durchzusetzen. Die "Fantastischen Vier" haben die Charts geknackt und den Weg geebnet, werden aber von vielen aus der Szene als Pop-Rap abgetan. Der Weg zu professionelleren Konzerten statt selbstorganisierter "Jams", zu Hip Hop als Beruf und Geschäft wird von Managern gefordert und den Musik-Majors betrieben.
Montag, 27. Oktober 2008, 1.05 Uhr
Gesamtregie: Christoph Dreher, Rolf S. Wolkenstein
Buch/Regie Einzel-Beiträge: Christoph Dreher, Ellen El Malki, Christoph Doering, Rotraud Pape, Gerard Couty, Rolf S. Wolkenstein
Kamera: Ingo Manzke, Gusztav Hamos, Horst Markgraf, Christoph Lerch u.a.
Schnitt:Rolf S. Wolkenstein, Rotraud Pape, Stefan Schwietert, Ollie Lanvermann
Produktion: Weltbild Berlin, Christoph Dreher/Rolf S. Wolkenstein im Auftrag von ZDF Das kleine Fernsehspiel/quantum/3sat/ Arte Beratung: Ralph Niemczyk, Hans Nieswandt, Oliver v. Felbert ("Spex")
Redaktion: Christian Cloos, Claudia Tronnier
Länge: 42 Minuten
Erstsendung: 17.05.1993 (3sat)
Mit: Advanced Chemistry (Torch, Kofi "Linguist" Yakpo, Toni der Koch), Absolute Beginner und Eissfeld (= Jan Delay), Eric "IQ" Gray, Cora E., S.W.A.T.-Posse, Akim Walta, Swift, Storm, Speiche und andere
Eine Szene im Aufbruch steht am Scheideweg zwischen Kommerzialisierung und der Treue zu Werten und Wurzeln der Hip Hop-Kultur. "Lost in Music: Hip Hop Hooray" stellt vor Ort zahlreiche Protagonisten aus Rap, Djing, Breakdance und Graffiti vor. Bei Jams und Konzerten, in Aufnahmestudios und bei Spray-Aktionen kommt es zu Begegnungen mit "alten Bekannten" wie Eissfeld (= Jan Delay), den "Absoluten Beginnern", Szenepionier Torch mit "Advanced Chemistry" und vielen weiteren.
In stilistisch avancierten Beiträgen werden Geschichte, Hintergründe und Themen der Kultur vorgestellt: z.B. die Entwicklung des amerikanischen Hip Hop von den Anfängen der "Old School" in den 70er-Jahren der Bronx bis zum Westcoast-Gangster Rap der 90er. Scratching, Sampling und der Turntable als Instrument; Graffiti-Writing auf Mauern und Zügen als Videoinstallation; Entwicklung, Kleidung und akrobatische Standards des "B-Boying", auch als Breakdance bekannt.
In deutschem Sprechgesang wird sich mit eigenen Lebensumständen auseinandergesetzt und Stellung bezogen zu aktuellen gesellschaftlichen Ereignissen. Oder es wird lustvoll dem "Battle"-Prinzip des Hip Hop gefolgt, mit seinen Fertigkeiten andere im Wettkampf zu übertrumpfen. Die Szene tritt kämpferisch gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus auf.
Viele ihrer Mitglieder wissen genau, wovon sie sprechen, da sie als Kinder zugewanderter Ausländer selbst Ausgrenzung erfahren haben. So thematisiert die Rap-Gruppe "Advanced Chemistry" in ihrem Hit "Fremd im eigenen Land" die Frage nach der Identität deutscher Staatsbürger mit Migrationshintergrund, die immer noch als Ausländer angesehen werden. Mit Wurzeln in Haiti, Ghana und Italien rappen sie: "Nicht anerkannt, fremd im eigenen Land, kein Ausländer und doch ein Fremder."
Auch die Ablehnung jeglicher Drogen und der fortschreitenden Kommerzialisierung über Markenklamotten etc. ist ihnen ein Anliegen. Die Düsseldorfer "Fresh Familee" tritt in ihrem Clip "Ratingen West" in die Rolle einer gewalttätigen Jugendgang aus dem Hochhaus-Ghetto. Vor der breiten Vereinnahmung in den Mainstream der 90er und dem Rückfall in den Underground als Folge der Krise der Musikindustrie zeigt sich in "Lost in Music: Hip Hop Hooray!" die Vielfalt von Stilen, Haltungen, Ausdrucksformen einer heterogenen und virulenten Kultur, die sich von ihren Vorbildern emanzipiert hat.
"Lost in Music" galt in den 90er-Jahren als stilprägendste Pop-Dokumentationsreihe im deutschen Fernsehen trotz der Blütezeit von VIVA und MTV. Die zweite Ausgabe "Lost in Music: Hip Hop Hooray" wurde mit dem renommierten Grimme-Preis ausgezeichnet. Im letzten Beitrag der Reihe "Hip Hop Don´t Stop! - Fünf Filme aus drei Jahrzehnten Hip Hop-Kultur" kommen die Elemente der anderen Filme wie Graffiti, DJing und B-Boying/Breakdance wieder zusammen bis auf das Beatboxing.
Begründung der Jury des Grimme-Preises 1994
"Der Reiz dieses Musikmagazins über die aktuelle HipHop Szene in Deutschland liegt darin, dass es in stilistisch überzeugender Art und Weise die Grenzen zwischen reinem "Szene"-Beitrag und Musikinformation im Stile klassischer Kulturmagazine ignoriert: "Lost in music" ist informativ, ohne belehrend zu sein, hautnah am Gegenstand, ohne ganz in ihm aufzugehen (kein MTV, kein VIVA), und auch stilistisch auf der Höhe der Musik mit derem spezifischen Rhythmus.
Das Feeling des HipHop, die selbstbewusste Eigenständigkeit der deutschen Gruppen gegenüber dem übermächtigen amerikanischen Vorbild, wie sie in den deutschen Texten zum Ausdruck kommt, all das wird durch den rhythmischen Videoschnitt zu einem Musikmagazin verdichtet, das Augen und Ohren für eine der wichtigsten musikalischen Entwicklungen der letzten Jahre öffnet."